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Change Management

Das Phänomen der erlernten Hilflosigkeit

By 8. Juli 2016 April 5th, 2018 No Comments

Affen im Käfig

Ein kleines Experiment, beschrieben in „Monkey Management“ (J. R. Edlund):

Acht Affen saßen in einem Käfig. Die Versuchsleiter stellten eine zwölf Meter hohe, glatte Stange auf, an deren Ende eine Bananenstaude aufgehängt war. Die Affen wurden bei jedem Kletterversuch mit einem Wasserschlauch kalt nassgespritzt. Keiner der acht erreichte die Bananen auf der glitschigen Stange. Alle acht gaben auf und versuchten es nicht mehr.

Dann ließ man einen neunten Affen in den Käfig. Dieser hatte die Vorgeschichte nicht mitbekommen. Der Wasserschlauch war inzwischen entfernt worden. Kaum wollte er an der Stange hochklettern, wurde er von den acht nassen und enttäuschten Affen handgreiflich zurückgehalten – es war ja sinnlos und sogar gefährlich, die Bananen erreichen zu wollen.

Nun ließ man weitere Affen in den Käfig, die sofort von den alten Affen darüber „informiert“ wurden, dass die Bananen unerreichbar seien. Die acht Alten schützten die Neuen, indem sie diese festhielten und so daran hinderten, an der Stange emporzuklettern, um ihr Glück zu versuchen.

Anschließend wurde aus der ersten Gruppe der acht Affen ein Affe nach dem anderen herausgenommen und durch neue, „uninformierte“ Affen ersetzt. Insgesamt achtundsechzig neu hinzugekommene Tiere übernahmen die etablierten Verhaltensmuster. Und zwar immer und immer wieder, solange noch ein Affe da war, der die ursprüngliche Geschichte selbst erlebt oder „erzählt“ bekommen hatte.

Erst als man alle nassen Affen und(!) jene, die „informiert“ worden waren, ganz ausgetauscht hatte, kletterten neue Affen, die zum ersten Mal die Bananen sahen, spontan auf die Stange und holten sich die Früchte.

Erlernte Hilflosigkeit

In diesem Experiment zeigt sich ein Phänomen, das Martin E. P. Seligmann (1967) unter dem Begriff „Erlernte Hilflosigkeit“ erforscht hat. Damit wird das Phänomen bezeichnet, dass Menschen und Tiere infolge von Erfahrungen der Hilf- oder Machtlosigkeit ihr Verhaltensrepertoire dahingehend einengen, dass sie negative Zustände nicht mehr abstellen, obwohl sie es (von außen betrachtet) könnten. Als Berater begegnet mir dieses Phänomen in vielfältiger Weise immer wieder in Unternehmen.

Entstehung der Unternehmenskultur
Das Experiment verdeutlicht zunächst, wie Unternehmenskulturen entstehen. Die Haltung „Das war hier schon immer so“ ist das Ergebnis eines gegenseitigen Beeinflussungsprozesses, in dem die kulturprägenden und -erhaltenden Kräfte stärker sind als die kulturverändernden Kräfte. Im Beispiel der Affen wurde durch Macht und Angst eine negative bzw. im unternehmerischen Sinne wenig hilfreiche Kultur der Hilflosigkeit geschaffen. Im Gegensatz dazu wäre es jedoch auch möglich durch Bestärkung eine positive Kultur zu fördern.

Hilflosigkeit und Opferhaltung
In Unternehmen beobachte ich sehr häufig, dass einzelne Personen oder ganze Bereiche in Folge von erlebter Macht- und Hilflosigkeit in einer Opferrolle gefangen sind. Sie haben nicht mehr das Zutrauen, die Situation verändern zu können. Stattdessen werden andere beschuldigt, die ihre missliche Situation verursacht haben. Dieses Phänomen kann in Vorgesetzten-Konstellationen aller Hierarchieebenen beobachtet werden, bspw. zwischen Geselle und Meister oder auch zwischen einem Vorstandsvorsitzenden und seinem ohnmächtigen mittleren Management. Es kann auch sein, dass sich das Management einer Tochtergesellschaft der Muttergesellschaft hilflos ausgeliefert fühlt. Hat sich dieser Zustand der Hilflosigkeit erst einmal verfestigt, so ist es schwer bzw. langwierig, ihn wieder umzukehren.

Auswirkung auf Veränderungsvorhaben

Es ist nicht sehr verwunderlich, dass das beschriebene Phänomen erhebliche Auswirkungen auf die Umsetzung von Veränderungsvorhaben hat. Unternehmerische Veränderung bedarf der Akzeptanz und der Mitwirkung der Betroffenen. In einer Kultur der erlernten Hilflosigkeit ist jedoch der Grundmotor von Veränderungen, nämlich das Zutrauen in die eigene Gestaltungskraft, zuvor zunichte gemacht worden. Change Management in einer solchen Kultur heißt damit auch immer Kulturveränderung. Und diese benötigt Zeit und ein erhebliches Maß an nachhaltiger Bestärkung.

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